Tut`s mir noch weh, Doc?

Am Anfang stehen drei Gewissheiten:

  1. Überall dort, wo Menschen kommunizieren, gibt es auch Missverständnisse.
  2. Die häufigsten Missverständnisse des menschlichen Soziallebens findet man in der Liebe und beim Thema Gesundheit.
  3. Die „Singultus-Autoren“  kennen sich mit dem zweiten Thema besser aus…..

Unsere Geschichten zeigen auf zugespitzte und humorvolle Weise Pannen in der Arzt-Patienten-Kommunikation, Missverständnisse und groteske Fehlwahrnehmungen der Menschen im Gesundheitswesen und eine irrwitzige Vielfalt an Patientencharakteren und -karrieren.

Viel Freude beim Lesen wünschen Martha Maschke und Frank Möllmann

Knacki…im Wartezimmer

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Mitpatienten, die neben mir im Wartezimmer sitzen, oder neben mir im Patientenzimmer liegen und nonstopp ihre Fingergelenke, Ellenbogengelenke knacken lassen „sind Raus“.

Die mag ich nicht hören.
Die will ich nicht neben mir sitzen oder liegen haben.

Die sollen einfach nach draußen gehen.

Sich durchknacken und dann meinetwegen entknackt wieder reinkommen.
Menschen die allerdings ihren Kopf und damit auch ihre Halswirbelsäule kreisen lassen, so als würden sie versuchen sich Spiralen in den Hals zu drehen, dann alle sieben Halswirbel, plus Atlas und Axis krachen lassen, die….
Also, die…
Die…
Die brauchen gar nicht mehr wieder zukommen…

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Teer- so muss Inklusion?

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Es ist tatsächlich so.

Wenn man im Rolli unterwegs ist, findet man häufiger Kleingeld als laufende Menschen.
Man hat aber auch die grau-schwarzen, platt getretenen Kaugummis mehr im Blick.
Und anderen Müll. Oder Dreck.
Oder: Teer.
Von weitem denke ich noch: Super! Der Teer riecht zwar noch ein bisschen, scheint aber trocken und befahrbar zu sein.
Ich nehme Anschwung…und bleibe stecken.
Zwei Passanten ziehen mich wieder heraus.
Ich bin voller Teer. Und mein Rolli auch. Wir sind eine tolle Einheit! Wir kleben für immer zusammen! Nichts kann uns trennen.
In meiner Selbstironie…entwickelt, um nicht loszuheulen, gucke ich auf meine Uhr und stelle fest, das ich noch zwanzig Minuten bis zu einem wichtigen Termin habe.
Den Weg nach Hause und dann zurück in die Stadt schaffe ich zeitlich nicht mehr.
Der Termin ist wichtig.
Ich muss mich zumindest waschen und – es geht nicht anders- ich brauche eine neues T-Shirt/ Bluse.
Ich rolle in ein naheliegendes Kaufhaus mit einer Wäsche- und Klamottenabteilung.
Vorher noch schnell zur Toilette, um schon mal etwas Teer zu entfernen. Inzwischen ist er nicht mehr nur an meinen Händen, sondern auch im Gesicht.
5.Stock. Super. Ich schaffe es, den Fahrstuhl ohne Teerspuren zu hinterlassen.
Ich bin oben.
Dort angelangt, muss ich leider feststellen, dass die Behindertentoilette zu ist.
„Bitte melden Sie sich im Erdgeschoss!“
Nein! Warum? Bei wem?
Nützt nichts…ich fahr nach unten. Weitere fünf Minuten vergehen bis ich eine Verkäuferin finde.
„Oh, da muss ich mal einen Kollegen fragen. Wer Ihnen den Schlüssel geben kann, weiß ich auch nicht. Ah! Da hinter läuft er! … HERBERT! HEEEEERRRRBBBBERT! Hier ist eine Frau im Rollstuhl, die muss mal auf´s Klo. Weißt du wo der Schlüssel für die Behinderten ist?“
„Ähm…“, versuche ich mich zu artikulieren, „vergessen Sie´s!“, will ich eigentlich sagen.
Ich könnte vor Peinlichkeit im Erdboden versinken. Um mich herum stehen inzwischen sieben Kunden vor der Kasse und weitere vorbeieilende haben mich ebenfalls im Focus.
Ohha.
Da muss ich wohl durch.
Egal.
Ein paar Minuten später habe ich mir tatsächlich den Teerkleister abgewaschen und eile in die Damenabteilung. Oberbekleidung und Wäsche auf einer Ebene.
Läuft….denke ich noch, da kann ich jetzt ein paar Minuten aufholen.
Ich entscheide mich für eine Bluse und brauche noch ein Top für untendrunter.
Hier führt ein Hauptweg durch die Wäscheabteilung.
Um allerdings zu den einzelnen Produkten zu gelangen, muss man diesen verlassen.
Für mich ist hier stopp. Nicht eine Chance, an irgendwelche Regale oder aufgereihte Tops entlang der Wände zu kommen. Alles ist komplett zugestellt. Leider mit Drehständern, die aber keine Rollen zum Wegschieben haben.
Eine Verkäuferin kommt auf mich zu. Ihr erkläre ich mein Bedürfnis.
Es ist Samstag. Die Abteilung ist mit Kunden – Frauen wie Männer- gut gefüllt.
„Passen Sie auf! ruft sie mir im weggehen rüber, ich zeige Ihnen die verschiedenen Tops und BH´s hier von der Wand aus… und Sie sagen einfach, ob Sie den haben wollen!“
Erst kapiere ich es nicht. Frage nach.
„Sie wollen tatsächlich von der Wand aus, quer durch die Abteilung, bis hier wo ich stehe, mir einen von Ihnen favorisierten BH hochhalten? Mir zurufen, ob 80 A oder doch lieber je nach Marke 85 B für meinen Brustkorb geeigneter sei, zurufen…und mit mir vielleicht noch über die Farbe diskutieren…nur weil ich im Rollstuhl nicht zu Ihrer Ware komme?“
Ich bin beleidigt.
Wir haben das Jahr 2019. Ich stehe in einem modernen Kaufhaus.
Mir sind simple-leicht barrierefreie, zu arrangierende Wege verbaut.
Und ich kann deshalb nicht „autonom“ Unterwäsche kaufen?

Was hätten Sie /Ihr gemacht?

Deutschland!… ist das Inklusion?

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PHYSIO´S AUFGEPASST!!! Und alle anderen, uns nahestehende Menschen, auch…. :-)

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Tante Anna.

Ist 93 Jahre alt.

Absolute Fachfrau aller Sportler auf der ganzen Welt. Von der Antike bis zur Neuzeit.

(nur den Christoph Daum mag sie nicht: „Der hat mal Drogen genommen! Der ist raus!“

„Aus der Nationalmannschaft?“ frage ich naiv…oder total bescheuert, wie mir

Tante Anna´s Blick verrät…ich befürchte…ich bin auch raus…

Gut, dass Tante Anna zwischendurch mal ein Schläfchen halten muss, sonst würde nonstop EuroSport laufen. Diesen- nur diesen- Sender akzeptiert sie.

„Wie wäre es denn mal mit Nachrichten?“, frage ich vorsichtig.

„Zeitverschwendung!“, zischt Tante Anna.

Und ich bin jetzt mal lieber still…sonst bin nicht nur „raus“, sondern ganz draußen, und muss mir womöglich noch ein anderes Patientenzimmer suchen.

Es ist kurz vor 11 Uhr. Fast schon Mittag.

Die Tür unseres Zimmers hat sich geöffnet.

Der Physio für Tante Anna kommt herein. “ Frau G, wie geht es uns denn heute?“

Tante Anna öffnet ein Auge. Es ist 11.00 Uhr und sie hat gerade ihr zweites Schnarchkonzert absolviert. Das macht verdammt müde, wie ich dank Wikipedia weiß.

Sauerstoffverbrauch, obstruktives Schnarchen usw.

Das bekommt auch der Physio zu spüren. Tante Anna schließt ihr Auge einfach wieder.

Der junge, sehr junge Mann beugt sich tiefer über Tante Anna, tippt sie vorsichtig an und eröffnet ihr seinen heute beabsichtigten Therapieplan.

Sie öffnet wieder das eine Auge.

Auch wenn sie zwei völlig intakte Augen, ihrem Alter untypisch gut funktionierende Adleraugen besitzt- eines der menschlichen Fenster darf auch in diesem Moment einfach weiterschlafen.

Sie schüttelt vehement den Kopf, nachdem sie vorher noch schnell auf ihre Uhr, die auf dem Nachttisch steht, linst.

Das Zeitmesser zeigt es an…das Mittagessen ist fast schon da.

Alle Termine, die sich Richtung „Zeitfenster – Mittag“ bewegen, lehnt Tante Anna kategorisch ab.

Essen ist heilig. Egal wer da vor ihrem Bett steht. Der Physio versucht es trotzdem: „Wenn wir uns beeilen Frau G., dann schaffen wir noch so ein kleines Ründchen auf dem Flur.“

Tante Anna wirft mir einen skeptischen Blick zu. Sie ist die Ruhe in Person.

„Machen Se`mal. Machen Se´mal alleine junger Mann.“

Der Physio versucht es noch einmal:“ Ich würde aber gerne mit Ihnen zusammen über den Flur gehen, Fr….“

Tante Anna unterbricht ihn energisch. Ihre Geduld ist jetzt doch erschöpft.

„Ne, nee! Ich bin doch jetzt müde und gleich kommt MITTAG!

Physio: „Ja, aber das dauert doch noch eine halbe Stunde.“

Tante Anna;: “ Neeeee. Nee. Gehn´Se mal alleine. Ich war gestern schon!“

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Günther- ein ganz besonderer Weihnachtsmann…fast schon eine Weihnachtsgeschichte

 

Cartoon-Copyright by Ralf Badtke

(Herzlichen Dank an Dich, lieber Ralf!)

 

Günther.

Ein ganz besonderer Weihnachtsmann.

                                                   Beinahe… eine Weihnachtsgeschichte.

Der vor mir stehende – und sich zu mir runterbeugende Mann — stinkt.
Es ist der Weihnachtsmann.
Er leuchtet.

Ausgelöst durch zwei blinkende, grüne Kugeln, die sich auf seiner roten Mütze befinden.
Batterien betrieben. Vier Stück.
Wie ich sehen kann.

Die Verschlusskappe fehlt.
Eigentlich ist der Weihnachtsmann im Besitz von acht Batterien. Vier sind – in einer an seinem Gürtel eigens angebrachten Konstruktion- mit einem Kabel zur Mütze verbunden. Eindeutig erkennbar, da das Kabel durch sein Gesicht, an der Nase und quer über sein rechtes Auge verläuft.
Die anderen hängen -jeweils zu zweit- rechts und links-in seinen Mundwinkeln.
Er hat wohl Angst, nicht schnell genug wechseln zu können.
Kann man ja verstehen.
Bei einem Weihnachtsmann dürfen auf keinen Fall die Lampen ausgehen.

Gerne hätte ich diesen Abschnitt, bzw. diese Weihnachtsgeschichte meines Lebens, philosophischer und intellektueller begonnen.
Wenn auch nur von schlauen Menschen ausgeliehen, aber so Sätze etwa wie: „Ich denke also bin ich“…oder „Vita brevis“ … das Leben ist kurz, wäre doch mal ein toller Start…so mitten in einer Hommage.
Geht jetzt nicht.
Passt nicht zu mir. Und vielleicht auch nicht! – zu dem Mann vor mir.
Jetzt beugt sich der Weihnachtsmann zu mir runter und brüllt mich an: Ich heiße Günther. Du kannst mich Günthi nennen!
Wieso????- meinen eigentlich immer alle Menschen, dass man mit Behinderten lauter- sehr laut sprechen muss?
Ich bin genervt. Und Huhu Selbstmitleid.
Mein Smartphone signalisiert mir lautstark und von mir, mit einem selbst gewählten schrecklichem Signalton, dass ich eine Whatsapp bekommen habe. Gerne nehme ich diese Gelegenheit wahr, um mir ein bisschen Distanz in der Kommunikation zwischen dem Herrn vor mir, namens Günthi- dem Weihnachtsmann- und mir zu verschaffen.
Ein Freund hat mir geschrieben. Ohne Anrede. Ohne Gruß. Aber: „Der Wind bläst die Säcke auf, die Dummen der Dünkel.
Sokrates (470-399 vor Christus.) Irgendwie musste ich an Dich denken. Wie war es bei der Magen-Darmspiegelung?“
Merry Christmas…
P.S. das Weihnachtsessen gestern war superlecker. Schade, dass du nicht dabei sein konntest.“

Super.
Ein weiser Satz. Mal eben missbraucht… „Günther- ein ganz besonderer Weihnachtsmann…fast schon eine Weihnachtsgeschichte“ weiterlesen

Traudel, lass mich jetzt!

Das Rentner-Ehepaar S. sitzt im Sprechzimmer, er ist der Patient.

Arzt: Guten Tag, Herr S.! Was führt Sie zu mir?

Herr S.: Es ist eine Sache….., weshalb ich für eine zweite Meinung zu Ihnen komme…. ich war nämlich schon bei zwei anderen Ärzten ….. der eine sagte: „Nehmen Sie höchstens zwei Tabletten.“….. der andere sagte: „Nehmen Sie mindestens sechs!“ … und jetzt bin ich zu Ihnen gekommen, weil Sie mir empfohlen wurden.

Frau S.: Aber Heinz, Du musst doch erst mal von Anfang an erzählen. Also: Das fing nämlich schon vor Monaten an. Da hatte er immer so einen Schwindel….. Nun sag` doch mal selbst. Wie war das denn?

Herr S.: Nein, ganz anders. Ich habe das hier gelesen (zieht einen Artikel aus einer Illustrierten hervor, der vom Morbus Meniere handelt). 40% der Diagnosen sind nämlich falsch, das hat die Frau Professorin hier in diesem Artikel an der Uni herausgefunden. Ich hab` Ihnen die wichtigsten Passagen schon mal angestrichen.

Arzt: Aha, es geht also um einen Morbus Meniere? Haben Sie den aktuell Symptome?

Herr S.: Da ist ja grade die Frage, ob es sich hier um einen Morbus Meniere handelt. Ihre Kollegen meinten ja immer gleich Bescheid zu wissen, aber geheilt bin ich immer noch nicht.

Frau S.: Wobei Du seit 2 Wochen keine Symptome mehr hast. (Sie klopft auf den Schreibtisch). Ich klopf` mal auf Holz.

Herr S.: Das hat aber alles nichts geholfen. Sie glauben ja gar nicht, Herr Doktor, wie schlimm das ist; und wie unangenehm. Ich bekomme plötzlich eine Übelkeit und einen Schwindel. Wenn ich mich dann nicht sofort hinlegen kann, muss ich fürchterlich spucken. Alles voll!! Das ist wirklich nicht schön.

Arzt: Sind Sie denn schon mal von einem HNO-Kollegen untersucht worden? Für Schwindel kann es verschiedenste Ursachen geben.

Herr S.: Ach die! Die haben immer nur Medikamente verschrieben. Dabei muss man soooo aufpassen. Wer als Patient nicht mitdenkt und alles sofort kontrolliert, wird verraten und verkauft. Da gibt mir die Arzthelferin das Rezept und dann sehe ich: die falsche Adresse. Da ist die falsche Adresse drauf!! Was da alles passieren könnte! Man liest das ja immer wieder.

Arzt (zunehmend irritiert): Sie möchten also von mir wissen, ob bei Ihnen ein Morbus Meniere vorliegt oder nicht, richtig?

Frau S. mischt sich hastig ein: Also, ich denke, das müsste doch mal stationär richtig abgeklärt werden. Vielleicht können Sie ihn mal ein paar Tage aufnehmen, dann können alle Untersuchungen gemacht werden, usw. Dafür sind wir doch gekommen, oder, Heinz? Das hat doch der HNO-Arzt auch gesagt.

Arzt: Eigentlich würde zunächst einmal eine Untersuchung und ein ambulantes MRT des Schädels reichen. Dann könnten wir schon einen Teil der möglichen Differentialdiagnosen ausschließen.

Herr S.: In so eine Röhre will ich aber nicht, da kriege ich Platzangst. Da müssen Sie mir schon eine Narkose machen. Das halte ich sonst gar nicht aus!!

Arzt: In dem Fall ist eine stationäre Aufnahme vielleicht besser. Ich kann gerne in unserer HNO-Klinik einen kurzfristigen Termin für Sie machen.

Frau S.: Oh ja, Heinz. Das wäre doch sicher gut.

Herr S.: Herr Doktor, ich sage Ihnen mal was. Ich habe da so meine Erfahrungen. Da kann mir keiner reinreden. Die Krankenzimmer – so mit 2-Bett und 3-Bett – das geht gar nicht. Ich zahle alle zu! Ich muss dann auf ein 1-Bett –Zimmer.

Arzt: Das wird sich sicher ….

Herr S. (unterbricht): Es geht mir nicht ums Geld, wissen Sie. Es ist nur einfach für die anderen Patienten nicht schön, wenn ich da dann so spucken muss.

Arzt: Da finden wir bestimmt….

Herr S. (unterbricht schon wieder): Ich kenne das schon alles. Damals musste ich auch mit 3 anderen Patienten auf dem Zimmer liegen. Das war nicht schön, das können Sie mir glauben.

Frau S. (entsetzt): HEINZ! Das war 1982!!

Herr S. (unbeirrt): Traudel, lass mich jetzt! Der Herr Doktor und ich, wir wissen schon wovon wir reden.

Arzt: Vielleicht möchten Sie die Optionen ja auch erst mal überdenken und zuhause besprechen.

Herr S.: Ja, das scheint mir ein kluger Gedanke zu sein. Traudel, wo ist mein Handstock? Wir sind schon fertig.

Verrückt, skurril … aber so geschehen

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„Hier sind ja mehr Tote als Kranke!“

Pause.

Immer noch.

Totales-peinlich, berührtes Stillschweigen im Wartezimmer einer hämatologischen/onkologischen Praxis.

Allerdings mehr von den begleitenden Angehörigen, als von den wartendenden Patienten. Diese blicken eher verschmitzt auf den Fußboden…aber auch wartend.

Abwartend.

Ein Vakuum scheint sich in den Lungen der Angehörigen entwickelt zu haben. Sie atmen gar nicht mehr. Ich versuche ein Ein-und Ausatmen, sowie eine Bewegung der verschiedenen- körpergestaltlichen Thoraces zu  entdecken.

Ersehe aber keine Bewegungen.

Die Patienten um mich herum gucken sich- immer noch wartend- auf die Fortsetzung des gerade hereingekommenen ,neuen Patienten-Duos, versteckt- verschwörerisch und grinsend an…

„Egon!“, ertönt eine schrille Stimme hinter dem sich inzwischen mantelentkleidenden Mann, „Das kannst Du doch so nicht sagen!“

Zu uns Wartenden gerichtet: „Bitte entschuldigen Sie dieses schnelle Vorurteil meines Mannes!“

„Frieda!“- jetzt ist Egon etwas über die Aussage seiner Frau irritiert.

„Vorschnelles Vorurteil? Was redest du denn da für ein Unsinn?“

Frieda ist jetzt wiederum so irritiert und aufgebracht, dass sie nicht einmal den Buchstabensalat ihres Mannes bemerkt: „Wieso? Du hast doch schon während des Eintretens, mit einem Blick…mit deinem, von dir selbsternannten und selbst verherrlichen Menschenkennerblick gesprochen. Und nicht ich. Man könnte sogar sagen, dass du diese Feststellung sogar gerade förmlich ausposaunt hast! Das sagt man doch nicht im Wartezimmer einer onkologischen Praxis! Ich meine, ich meine, ich sehe es ja auch. Aber ich sach´doch nix.“

Blick in die Runde. Dann leise zu ihrem Mann: “ Ist schon ein anderes Klientel, als bei unserem Hausarzt, oder?“

„Frieda! Wie redest Du? Und wovon redest du? Habe ICH Tote gesagt? Ich äääh, ich ääääh meinte doch: Gesunde! Also, dass hier mehr Kranke als Gesunde sind.“

Ein anderer Wartender: „Da scheinen Sie jetzt aber einen weiteren Wortdreher in Ihrer Aussage zu haben, oder?“

Egon: „Nee, ich meinte das schon so , wie ich gesagt habe,….“

Deutliches Aufstöhnen seitens Frieda zu hören. Böser Blick zu ihrem Mann.

Das registriert Egon und verbessert sich schnell, aber irgendwie ein bisschen unsicher: „Ach- irgendwie andersherum.“ Kurz überlegt er. Blick auf das Gesicht seiner Frau geheftet. Er murmelt: Doch. Doch. Andersherum.“

Stille im Wartezimmer.

Ein weiterer anwesender Patient räuspert sich: „Entschuldigen Sie bitte, Frau Frieda,., wenn ich Sie so von schräg gegenüber anspreche…mich beschäftigt gerade schon ein bisschen die Aussage von Ihnen beiden. Was genau meinten Sie damit, dass wir hier alle anders aussehen als bei Ihrem Hauisarzt?“

Ich lehne mich zurück. Hoffentlich werde ich jetzt nicht ins Sprechzimmer, oder zum Blutabgeben , oder zur Infusion gerufen!…. Bitte, bitte nicht…Ich bin nicht abergläubisch, drücke- zerquetsche aber trotzdem fast meine beiden Daumen, in der Hoffnung, dass das jetzt meine Zeit im Wartezimmer verlängert. Bitte !!! Denn das  weitere Gespräch, bzw. das Ende, möchte ich nicht verpassen…

Die gerade noch auflebende Zornesröte im Gesicht von Frieda verschwindet und ihre Gesichtsfarbe verwandelt sich. Eigentlich ist es Gesichtsfarbenlos. Oder einfacher: Leichenblaß. „Womit wir wieder bei den Toten sind“, lächele ich still. „Mensch, Frieda! Willkommen in der Gruft!“

Spannend geht es zunächst nonverbal weiter. Aber nur für ein paar Sekunden. Dann ist hier von Tod und Sterben nichts mehr zu spüren. Die Lebensenergie-ausreichen für 36 hundertjährige Leben, der 18 Anwesenden ist deutlich zu spüren.

„Was mischen Sie sich in unsere Eheprobleme ein? Wir kennen uns doch gar nicht!“ schreit Frieda ins Wartezimmer uns allen entgegen.

„Also! Ich fühle mich aber doch angesprochen, wenn Sie mich als andersartig beschreiben!“, sagt der gegenübersitzende Mann.“Und ich möchte einfach mal in Erfahrung bringen, warum ich anders aussehe, als die Menschen bei Ihrem Hausarzt.

„Das sieht man nicht nur, dass weiß man doch. Schließlich sind wir hier doch auf der Onkologie. Also. Krebs. Also. Krank. Also,….“

Egon guckt seine Frau an.

Auch die anderen 17 gucken Frieda erwartungsvoll an.

“ Ja und? „fragt der gegenübersitzende Mann.

Frieda wird keifig:“ Ich habe Sie doch gerade schon gebeten, nicht in die Gespräche und Eheprobleme zwischen mir und meinen Mann rein zuquatschen.“

Egon: “ Was denn für Eheprobleme? Was für Probleme haben wir denn?

Er guckt Frieda erwartungsvoll an.

Frieda schweigt.

Egon: „Du hast hier doch den Termin gemacht. Obwohl ich gar nicht krank bin. Nur zur Prophylaxe- hast du gesagt. Und… weil du mal hier das neue Krankenhaus sehen wolltest. Und… weil Deine Canastafreundin Elke gesagt hat, dass es auf dieser Station für Patienten und auch sogar für die wartenden Angehörigen Kaffee und Kekse gibt. Du wolltest nur mal gucken. Und jetzt? Jetzt sitzen wir hier mit all den To….“

Da öffnet sich die Tür des Wartezimmers. Der Professor kommt herein.

Totale Stille im Raum.

Der Professor ist irritiert.“Uiiih. Hier ist aber stickige Luft. Machen Sie ruhig mal die Fenster auf! Er blickt um sich und geht, sichtlich erfreut auf den „gegenübersitzende Mann“ zu.

“ Ach, der neue Herr Kollege! Ich habe Sie schon auf dem Flur gesucht. Entschuldigen Sie die Verspätung. Leider kann ich Sie erst nach der Sprechstunde herumführen. Ich habe einen zeitlichen Engpass. Aber Ihr neues Sprechzimmer, dass kann ich Ihnen schon einmal direkt zeigen. Könnten Sie sich dann auch schon mal, um unsere neuen Patienten Egon T. kümmern?“

 

 

 

 

Habe ICH Tote gesagt?Ei

Der Schluckauf war weg!

Der Schluckauf war weg!

Aus der Störung wurde eine Sommer—Herbst—Kommunikationspause.

Jetzt ist das SYMPTOM wieder zurück…

 

Hat etwas gedauert.

Früher habe ich mich riesig gefreut, wenn wir auf Grund des Berufes meines Vaters von einem Bundesland ins andere umgezogen sind.

Natürlich nur, wenn die Sommerferien im neuen Bundesland, den aktuellen folgten.

Tatsächlich bin ich mal in den Genuss von elf Wochen Sommerferien gekommen!

So ähnlich hat sich das in unserer Kommunikationsstörung- zwischen mir und Herrn Dr. Möllmann- dieses Jahr auch abgespielt. Kaum war der Doc aus den Sommerferien wieder aufgetaucht, waren bei uns schon wieder Herbstferien.

Natürlich auch in dem anderen Bundesland.

Irgendwie waren von Ende Juni bis jetzt nur Ferien?

Schulisch gesehen schon. In den Wartezimmern der verschiedensten Praxen, in den Krankenhäusern oder sonst wo herrschte zwar auf Grund der langanhaltenden Hitze eher die „Slow-Motion-Therapieform“…aber passiert sind natürlich trotzdem wieder jede Menge menschliche, liebevolle, skurrile Erlebnisse die zu ruckartigen Kontraktion des Zwerchfells führten.

Was wiederum bei uns zu einem tiefen und plötzlichen Einatmen geführt hat. Und uns dann synchron die Stimmritzen verschloss…und durch Luft von außen Hickser-Geräusche entstehen ließ…

… die hier bald wieder zu lesen sind!

 

Wir freuen uns sehr auf Euch!

 

Frank Möllmann und Martha Maschke

Reden ist doch Gold…oder zumindest gelb wie Apfelsaft…

Entstehung von Apfelsaft

 

Wartezimmer.

Zwanzig Plätze und ich.

Eigenen Stuhl mitgebracht.

Das bringt mich in die vorteilhafte Situation einen guten und doch nicht offensichtlichen Blick auf meine Mitwartenden zu haben.

Das Wartezimmer ist bis auf den letzten Stuhl besetzt.

Unter dem 9.Stuhl – links von mir habe ich angefangen zu zählen- glitzert etwas.

Ich gucke weiter. Rundherum.

Das Licht von draußen, lässt das Glitzern unter der No.9 immer noch geheimnisvoll im Ungewissen.

„Reden ist doch Gold…oder zumindest gelb wie Apfelsaft…“ weiterlesen

Ich, meine aktuelle Mitpatientin, das Kanninchen vor der Schlange, der Salzstangenklau – und das alles in einer Nacht…/zweites Erlebnis

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Salzstangenklau: copyright by Ralf Badtke & Martha Maschke

Das zweite Erlebnis.

Mein aktuelle Mitpatientin und ich…

…diese Alltagssörgchen zweier – eigentlich erwachsenen Menschen… erinnern mich stark an meine Kindheit… und an ein von mir sehr geliebtes Buch: Ich und meine Schwester Klara von Herrn Dimiter Inkiow.

Warum?

Ganz leicht zu erzählen.

Als ich nachts von meiner „aktuelle Mitpatientin“ wachgerüttelt werde, weiß ich nicht, ob ich aufgrund meines Fiebers vielleicht halluziniere. Dann erkenne ich aber die mir sonst gegenüberliegende Frau und verstehe nur im ersten Moment bloß gar nicht, was los ist. Es ist drei Uhr nachts. Soviel registriere ich mit Blick auf meinen Wecker.

Dann, ich kann es kaum glauben, fragt sie mich – die Stimme aus dem Dunkeln -, ob ich noch was vom Abendbrot übrig habe.

Hä?

Ich hebe eigentlich nicht irgendwelche Speisen auf. Also verneine ich.

„Hast Du Obst? “

Nee.

„Schokolade? “

Nee.

Wenn gleich noch die Frage „Hattu Möhrchen“ kommt, drücke ich die Klingel. Ach was! Ich löse Feueralarm aus. Gibt´s doch nicht! Sie schlurft ins Bett zurück. Ich rate ihr, vielleicht mal bei der Nachtschwester zu fragen, ob die vielleicht noch was in petto hat. Ist ja auch wirklich blöd … wenn man Hunger hat, ist das mit dem Schlafen ja auch nicht so leicht. „Nee! Ich hab jetzt keine Lust raus zu gehen!“ „Ich, meine aktuelle Mitpatientin, das Kanninchen vor der Schlange, der Salzstangenklau – und das alles in einer Nacht…/zweites Erlebnis“ weiterlesen

Anmeldung – erstes Erlebnis

 

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Still alive? copyright by Ralf Badtke & Martha Maschke

Erstes Erlebnis.

Ein mit mir zeitgleich eintreffender Patient und ich erhalten die obligatorischen Formulare zur stationären Aufnahme.

Der ältere Herr stöhnt immer wieder beim Ausfüllen der Zettel laut auf und seufzt.

„Immer wieder diese Fragen nach .Lebe ich? Oder doch nicht mehr?“

Wir lachen.

Und ziemlich lebendig – füllen wir die „irdischen“ Anamneseblätter aus.